Samstag, 19. Februar 2011

"Der Krieg mit den Molchen" von Karel Capek

Eine ungeheuerliche Geschichte, die, so absurd es klingt, in Unruhe versetzen kann. Im letzten Teil des Romans spielte ich sogar mit dem Gedanken, mich dem Geschehen zu entziehen, das unaufhaltsam und vorhersehbar auf ein Fiasko zusteuerte. Die Ereignisse so folgerichtig, die Katastrophe so unausweichlich, dass es quälend wurde Zeuge zu sein, wie sich die Unzulänglichkeiten unserer zivilisierten Logik entblätterten. Das sind starke Worte, ich gebe es zu. Aber dieses Buch zu lesen und im Kontrast dazu die allabendlichen Neuigkeiten aus unserer taumelnden Welt zu erfahren, kann ein Unbehagen erzeugen, das nur schwer zu bezeichnen ist.

Als ich das Buch aufschlug wusste ich, dass mich eine originelle, satirische Utopie erwartet. Vor vielen Jahren habe ich sie schon einmal gelesen, ohne mir davon aber mehr als einen groben Erinnerungsfaden der Handlung aufzubewahren. Wie sie heute auf mich wirkte hat mich überrascht. Damals war ich möglicherweise noch zu jung und auf Abenteuerliches fixiert. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich in einem anderen Weltbild gefangen war deren Prämissen mir die im Roman entworfenen Gedankenbilder fern erschienen ließen.

Insofern saß ich im deutschen Osten doch auf einer Insel der Seligen, mit verschrobenen Vorstellungen von gesellschaftlichen Mechanismen und Wertvorstellungen, die unter Parolen schwer auszumachen waren. Also war der Krieg mit den Molchen eine Phantasie aus einer Lichtjahre entfernten Vorzeit, als es noch Widersprüche und Konflikte gab, die nunmehr als überwunden galten. Warum also sich unter solchen Bedingungen Sorgen machen, wenn die Welt die richtige Ordnung hat und viele sich so selbstlos kümmern? Recht geglaubt wurde das alles nicht, aber als es dann auch niemand mehr hören wollte, war Schluss mit der Bequemlichkeit - für wen auch immer.

Das alles ist schon ein paar Tage her. Und doch hat es mit der Wirkung dessen auf mich zu tun, was Karel Capek bereits 1936 erzählte: Kapitän van Toch spürt, vor einer fernen, exotischen Inselkulisse, den Geschichten der Ureinwohner nach und findet die, von ihnen als Teufel gefürchteten, Molche. Natürlich ist sein erster Gedanke, wie er die Entdeckung dieser possierlichen und neugierigen Tiere gewinnbringend nutzen kann. Perlentauchen bietet sich an. In großem Stil aufgezogen braucht man dazu potente Partner.

Eine Geschäftsidee. Nüchterne, egoistische Überlegungen. Ganz alltägliche Motive und plausible Argumente eines durchschnittlichen Geistes bringen die Molche in das Getriebe unserer Zivilisation. Von vergnüglichen Episoden umrahmt beginnt die Maschinerie der Moderne sie gierig und aus allen Richtungen zu vereinnahmen. Die intelligente und des Sprechens fähige Gattung Andrias Scheuchzeri wird zum Nutztier, zum Forschungs-, Unterhaltungs- und Kultobjekt.

Den Beobachter in die passive Rolle des Zeitungslesers drängend, führt Capek vor, wie die Euphorie erst anschwillt und dann die Entwicklungen außer Kontrolle geraten. Zwingend steuert alles auf den Moment zu, in dem die Molche sich zur Wehr setzten, in dem sie sich der Logik, der Argumente und der Gewalt ihrer Lehrmeister bedienen.

Immer wieder schwanke ich, für welche Seite des Konfliktes ich Partei ergreifen oder Sympathien entwickeln soll. Einerseits werden die Molche hemmungslos bedrängt, benutzt und ausgebeutet. Andererseits steht auch die Mehrheit der Menschen unbeteiligt und hilflos neben dem sich zuspitzenden Konflikt, kennt die Zusammenhänge und Ursachen nicht und hat sich mit den Wirkungen auseinanderzusetzen.

Das Spiel um Macht und Profit kennt keine Vernunft, geschweige denn Skrupel, und setzt, einmal in Gang gebracht, für die Interessen Einzelner das Ganze aufs Spiel. Die Gesellschaft, besser: ihre Institutionen halten mit Regulierungen dagegen, verschärfen oder erlassen Gesetze, hecheln den Ereignissen hinterher, sind in politische Befindlichkeiten zersplittert und greifen nach niemals neuen Rezepten. Die gelehrten Köpfe blicken wie von Zuschauerrängen herunter, sie interpretieren, analysieren, kommentieren und natürlich: sezieren und dressieren. Wie real die Gefahren am Horizont auch erkennbar sein mögen, die Mehrheit muss sich gedulden, bis es ans Ausbaden geht. Erst dann dürfen wieder alle dabei sein und diesmal sogar im wörtlichen Sinne.

Mich hat dieses Buch in Unruhe versetzt und nachdenklich gemacht. Nichts wirkte so phantastisch, wie ich es mir gewünscht hätte. Eigentlich protokolliert Capek nur die bis heute alltäglichen Unzulänglichkeiten und Verhaltensweisen. Er lässt ihre Mechanismen aus Ignoranz, Egoismus, Gewalt, Macht- und Geldgier in einer Utopie wirken. Was folgt, ist dann nur noch folgerichtig. Die Molche sind dabei nicht das eigentliche Problem. Ich empfehle es nachzulesen.



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