Montag, 14. Februar 2011

"Der Tod ist mein Beruf" von Robert Merle

Der Roman ist eine Begegnung mit der unfassbaren Realität der Todeslager aus besonderer Perspektive. Robert Merle lässt den Lagerkommandanten von Auschwitz selbst berichten und zwingt seine Leser zur Auseinandersetzung mit dessen Gedanken und Wertvorstellungen. Im Bewusstsein, dass es sich um reale Ereignisse und keine fiktive Person geht, erzeugt diese Erzählweise eine erschütternde Tuchfühlung mit den kalten Argumenten der Täter.

Man begegnet einem beängstigend gewöhnlichen Menschen, der in eine Welt voller Disziplin und Pflichterfüllung hineinwächst. Streng katholische Erziehung, Konflikte mit dem Vater und der Bruch mit der Religion bilden den Hintergrund für ein rücksichtsloses Geltungsstreben. Die innere Logik, allein durch blinde Unterordnung und vorauseilenden Gehorsam Anerkennung zu ernten - und die Fähigkeit, mit Obrigkeitsglauben das eigene Gewissen auszublenden, jagen Schauer über den Rücken. Die Aussicht auf Karriere wird zum bestimmenden Motiv und gibt Begriffen wie Loyalität und Idealismus den denkbar bittersten Beigeschmack. Wie Lagerkommandant Höß folgten Tausende diesem Verständnis vermeintlicher Pflichterfüllung und machten so das Morden erst möglich.

Höß, alias Rudolf Lang, ist spießiger Familienvater und gleichzeitig skrupelloser Massenmörder. Seine Perspektive und seine Argumente erscheinen nüchtern und sachlich, entlarven sich aber als berechnend und gefühllos. Es sind ganz alltägliche Charaktereigenschaften, die aus ihm, im Bündnis mit einer verrohten Macht, eine Bestie machen. Er fühlt sich innerhalb der Norm und wird sich seiner unmittelbaren Verantwortung zu keiner Zeit bewusst. Selbst als er zur Rechenschaft gezogen wird, beruft er sich auf die unbedingte Gültigkeit von Befehlsstrukturen und ist nicht in der Lage, das Ausmaß seiner persönlichen Schuld zu erkennen.

Merle legte seinem Roman Gespräche und Verhöre während des Nürnberger Prozesses zugrunde. Insofern ist er ein Stück Aufarbeitung von Geschichte. Die Warnung vor der Pervertierung von Macht reicht jedoch weiter. Die vorgeführten Mechanismen der Ausnutzung elementarer Instinkte sind so bedrohlich wie beständig und sie gehören bis in unsere Tage zum Instrumentarium von Diktaturen.



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