Dienstag, 1. März 2011

"Der kleine Herr Friedemann" von Thomas Mann

Diese kleine, sentimental-warmherzige Novelle gehört zu den frühen Erzählungen von Thomas Mann, der bei der Erstveröffentlichung gerade erst 23 Jahre alte war. Friedemann, bucklig und hinkend seit frühester Kindheit, hat sich sein Leben genügsam eingerichtet, bis er die Liebe entdeckt. Natürlich hofft jeder Leser, dass der vom Schicksal benachteiligte Friedemann sein Glück finden möge, doch insgeheim ist klar, dass er nur kläglich scheitern kann. Als seine Gefühle aufbegehren, überwindet er sich, seine Sehnsucht zu offenbaren. Er setzt alles auf eine Karte - und wird erniedrigt und zurückgewiesen.

Die Novelle ist eine herzige und schwermütige Geschichte, aber auch ein Lehrstück für kompaktes, konzentriertes Erzählen. Allein die erste Szene, in der das Unglück, verursacht durch die betrunkene Amme, beschrieben wird, hat eine atemberaubende Dichte. Das eigentliche Ereignis ist lakonisch verwoben mit Informationen über die Familie, vollzieht sich auf engstem Raum und umgibt sich mit einer skurrilen Atmosphäre.

Wer immer sich handwerkliche Klarheit darüber schaffen will, wie eine Novelle aus einem Ereignis entspringt und zum Quell einer Handlung wird, sollte diese Geschichte zur Hand nehmen. Sie zeigt mit großer Klarheit, wie sich einerseits folgerichtig die Weichen für eine unterhaltsame Handlung stellen lassen und andererseits, welche Symbolkraft damit verknüpft werden kann.

Die Geschichte vom kleinen Herr Friedemann sollte man im Regal haben und immer wieder einmal lesen. Als Einzelwerk in der Schmuckausgabe ist sie recht teuer, doch Thomas Mann hat einige hervorragende Erzählungen mehr geschrieben, weshalb ich den Griff zu einen Sammelband empfehle.



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