Freitag, 11. Februar 2011

"Ganz unten" von Günter Wallraff

Über dreißig Jahre ist es her, dass Günter Wallraff sich in den türkischen Hilfsarbeiter Ali verwandelte. Mit Kontaktlinsen, gefärbtem Haar und verquirltem Deutsch taucht er ab in eine parallele Lebenswelt. Das Buch erregte damals großes Aufsehen, weil es eine unmenschliche und doch alltägliche Realität sichtbar machte. Die moralische Empörung war groß, doch die gesellschaftlichen Schieflagen sind bis heute nicht beseitigt. Deshalb ist das Buch noch immer aktuell und lesenswert.

In der Rolle des Ali nimmt Wallraff jede Arbeit an und berichtet über seine Erfahrungen. Ausländerfeindlichkeit, illegale Jobs und miserabelste Arbeitsbedingungen bestimmen seinen Alltag. Er verdingt sich als Landarbeiter, als Hilfskraft bei einer Fast-Food-Kette, wird Bauarbeiter, Leiharbeiter, Chauffeur und sogar Versuchsobjekt für die Arzneimittelforschung. Aus eigenem Erleben entlarvt er, wie er und seine Kollegen von modernen Sklavenhaltern übervorteilt werden und für erbärmlichen Lohn immer wieder die Gesundheit aufs Spiel setzen. Ohne gültige Papiere oder von Ausweisung bedroht haben sie der Willkür ihrer Arbeitgeber nichts entgegen zu setzen.

Mit Selbstversuchen rundet Wallraff das Bild der „Apartheid ... in unserer Demokratie“, wie er es selbst nennt, ab. Er besucht den politischen Aschermittwoch der CSU, setzt sich in die „Fan-Kurve“ des Berliner Olympia-Stadions oder versucht, sich von katholischen Pfarrern taufen zu lassen. Das alles klingt schwer, nach Anklage und moralischem Zeigefinger - dem ist auch so. Doch die Episoden lesen sich lebendig und mitunter humorvoll. Die Erlebnisse des vermeintlichen Türken Ali sind erschütternd, aufwühlend und sehr persönlich.

So war das damals, könnte man sagen und sich insgeheim freuen, vom Schicksal nicht in ein solch aussichtsloses Leben gestellt worden zu sein. Während des Lesens schlagen die Gedanken jedoch immer wieder eine Brücke ins Heute. Die angesprochenen Missstände sind ziemlich nah. Ausländerfeindlichkeit wird weiterhin überheuchelt oder immer unverhohlener sogar dreist zur Schau getragen. Illegalität und zwielichtige Beschäftigungsformen haben auch heute noch die Schwächsten auszubaden - werden bei Razzien aufgespürt und abgeführt ...

Es gibt viele gute Gründe, das Buch wieder einmal zur Hand zu nehmen.

Amazon: Ganz unten: Mit einer Dokumentation der Folgen

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