Mittwoch, 20. Mai 2015

"Die Arbeit der Nacht" von Thomas Glavinic

Wie wäre es, plötzlich ganz allein auf der Welt zu sein? Diese Frage stellt sich irgendwann jeder - am häufigsten wohl in den Jahren der Kindheit. Dann wachsen der Fantasie Flügel und man geht in fremden Häusern auf Entdeckungsreise. Thomas Glavinic hat aus dieser Idee einen Roman gemacht und konnte sich meines Interesses sicher sein. Er hat sich dabei jedoch so stark auf die Auswirkungen des Alleinseins auf das Innenlebens seines Helden konzentriert, dass die glaubhafte Schilderung der Konsequenzen für die reale Welt etwas aus dem Blick gerieten. Da kollidierte einiges mit meinen eigenen Vorstellungen von einer plötzlich entvölkerten Welt.

Mittwoch, 13. Mai 2015

"Alles umsonst" von Walter Kempowski

Ich habe den Roman gerade erneut gelesen - und mich wieder schon nach den ersten Seiten über den typisch eigenwilligen Stil gefreut. Ich bin ein Fan der knappen und treffsicheren Sprache von Kempowski.
Die Geschichte führt in den letzten Winter des Krieges auf ein Gut in Ostpreußen. In der Ferne ist bereits der Kanonendonner der herannahenden Roten Armee zu hören, alles befindet sich in Auflösung und ein Reigen einprägsamer Figuren strandet auf dem abgelegenen Hof. Der Hausherr ist im Krieg, seine Frau, die traumtänzerische Katharina, ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Ihr zarter Sohn Peter hantiert mit seinem neuen Mikroskop, derweil hat das resolute "Tantchen" als Haushälterin die Fäden in der Hand. Von der benachbarten Siedlung aus beäugt der stramme Nazi Drygalski missgünstig das Treiben der adligen Herrschaften, denen der Krieg bisher keine großen Entbehrungen oder Opfer abverlangt hat.

Montag, 13. April 2015

Kreativ schreiben: Handwerk und Techniken des Erzählens" von Fritz Gesing

Wer mit dem Schreiben beginnt hat viele Fragen. Das gilt besonders, wenn man sich ein Herz gefasst und ein größeres Projekt in Angriff genommen hat. Natürlich verwundert es nicht, wie sich die Fragen von Autoren ähneln, denen man in den sozialen Netzwerken begegnet. Verständlich ist auch, wie viele Ratgeber dazu neu erscheinen und sich den immer wieder gleichen Themen des Handwerks, der Stoffbewältigung und der Selbstorganisation widmen. Ganz frisch sind die Tipps meist nicht und oft stelle ich fest, sie ähnlich oder gar gründlicher in einem der Klassiker für Autoren behandelt gefunden zu haben. "Kreativ schreiben" ist so ein Buch, das jüngst in einer aktualisierten Fassung erschienen ist.

Montag, 12. Mai 2014

"Warum du mich verlassen hast" von Paul Ingendaay

Da stehe ich am Ende des Buches und blicke zurück in die Weite der niederrheinischen Landschaft, in der ein katholisches Internat wie eine Insel schwimmt. Hier spielt die Geschichte vom jungen Marko und es verwundert nicht, das er in seiner Phantasie in Robinson Crusoe einen Seelenverwandten hat. Erzählt wird von seinem letzten Jahr im Collegium. Während Marko sich in Bücherwelten zurückzieht und seinem Nihilismus huldigt, kommt sein Bruder Robert ins Internat, zerbricht die Ehe seiner Eltern, gibt das Collegium diffuse Geheimnisse preis und wird Marko zum Verfechter der Wahrheit.

Freitag, 13. September 2013

"Erfolg lässt sich nicht erzwingen" von Eva Joachimsen

Wer sich für das Turniertanzen begeistert und es mit diesem Hobby ernst meint, muss viel Zeit dafür investieren. Melanie Sturmann, die Heldin der Geschichte, ist in ihrem Verein mit viel Herzblut dabei. In Mirko findet sie jedoch einen neuen Tanzpartner, der mit verbissenem Eifer auf Erfolge bei Wettbewerben fixiert ist. Er bringt Melanie schnell an die Grenze dessen, was sie mit ihren tänzerischen Erfahrungen und ihren beruflichen Verpflichtungen zu leisten vermag. Unaufhaltsam bahnen sich Konflikte an und selbst die Trainerin sorgt sich schon bald darum, dass sich bei Melanie die Freude am Tanz verflüchtigt.

Montag, 11. März 2013

"Das Versprechen" von David Baldacci

Ein Autounfall schleudert die Kinder Lou und Oz um das Jahr 1940 aus ihrem behüteten Leben in New York. Der Vater kommt dabei ums Leben und die Mutter fällt ins Koma. Die Uroma, die in den Bergen von Virginia in einfachsten Verhältnissen lebt, nimmt die Kinder in ihre Obhut und kümmert sich um die Pflege der Mutter.

Dienstag, 5. März 2013

"Wiesinger" von Jens Wonneberger

Der Roman erzählt die Geschichte von Boris Wiesinger. Kurz vor dem Ende der DDR aus Gesinnungsgründen vom Medizinstudium ausgeschlossen, verdingt er sich als Friedhofsgärtner und Totengräber in einer sächsischen Kleinstadt. Er ist ein Aussteiger und Oppositioneller, der sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen in den begrenzten Dimensionen seiner kleinen Welt inszeniert. Mit der Wende fällt er ins Leere und ist plötzlich verschwunden.

Jens Wonneberger protokolliert die Geschichte eines Freundes, nicht die einer Freundschaft. Von Beginn an ist eine auffällige Distanz spürbar. Als Berichterstatter bleibt der Autor in einer beobachtenden Position, bei der sich die Wege gelegentlich kreuzen, doch beeinflussen sie ihre Lebenswege gegenseitig nur marginal. Diese Perspektive gibt dem Roman eine eigentümliche Aura. Durchgängig wird der Freund, der Held des Buches, nur mit dem Nachnamen bezeichnet.